Der Hintergrund

Logo Odilien-Institut Computer-CampComputer können ganz sicher nicht die Probleme der blinden und sehbehinderten Menschen lösen. Computer können aber den Weg Blinder und Sehbehinderter zu einer unabhängigeren und aktiveren Teilnahme am gesellschaftlichen und beruflichen Leben ebnen. So ist ein moderner, effizienter Computer-Unterricht auch eine Basis dafür, diese Entwicklungen zu beleuchten, damit die Blinden einen schärferen Blick auf die Welt werfen können.

Seit Mitte der 70er-Jahre wurden Braillezeilen - die "Bildschirme" der Blinden - entwickelt und durch akustische Sprachausgabesysteme ergänzt.

Für Sehbehinderte wurden Großbildsysteme geschaffen, mit denen Bildschirmausschnitte vergrößert dargestellt werden konnten.

Besonders für Blinde öffnete die Entwicklung dieser Technologien einen Zugang zu Gesellschafts- und Lebensbereichen, die ihnen bis dahin nicht oder zumindest nicht ohne fremde Hilfe zugänglich waren.

· Der PC wurde zum beruflichen Arbeits- und privaten Hilfsmittel. Selbsterstellte Texte konnten erstmals eigenständig gestaltet und korrigiert wer-den. Die bis dahin verwendete Schwarzschriftschreibmaschine bot für Blinde kei-nerlei Möglichkeit zur Textkontrolle und Korrektur. Die Punktschriftschreibma-schine ist zur Nachbearbeitung von Texten ungeeignet. Sie ermöglicht keine Streichungen oder Hinzufügungen.

· Das Nischendasein Blinder in Bezug auf die Möglichkeiten des Informationszu-griffs (Punktschrift- und Hörbüchereien) erweiterte sich in einem außerordentli-chen Maße.

· Durch den Einsatz von Scanner und OCR-Software konnten auch Texte, die nur in Regelschrift vorlagen, erfasst werden.

· Umfangreiche Datensammlungen waren digitalisiert auf Datenträgern verfügbar. Wörterbücher, Lexika u.ä. waren erstmals effektiv nutzbar.

· Mittels Modem wurden ganz neue Informationsquellen verfügbar (Mailboxen, In-ternet).

· Die elektronische Datenfernübertragung öffnete neue Kommunikationsbereiche.

· Erstmals konnte ohne fremde Hilfe das eigene Girokonto verwaltet werden (BTX).

Fasziniert von den technischen Möglichkeiten, die ein Computer bietet, sehen viele Menschen darin 'die absolute Lösung' und vergessen dabei, dass das ja eigentlich nur eine Vorbedingung sein kann. Das Ziel ist offensichtlich: Durch Hilfe des Computers sollen die sehbehinderten und blinden Menschen ein eigenständiges Leben leichter führen können.

So wird der Computer besonders für die Sehbehinderten und Blinden immer mehr zu einem unverzichtbaren Instrument im Zugang und im Austausch von Informationen, und in der Handhabung täglicher Arbeiten. Das unendliche Medium Internet bietet jedem Benutzer - egal ob blind, sehbehindert, oder sehend - einen 'in time Zugang' zu den neuesten Nachrichten aller Art: zuvor mussten für die Blinden entweder alle Nachrichten erst in Braille-Schrift übertragen werden - wie neu dann die "News" nach dem Druck und der Postzustellung noch waren möchte ich nicht kommentieren - oder der blinde Mensch musste einen sehenden Menschen finden, der ihm direkt vorlas. Was - auf Dauer gesehen - sicher auch nicht immer leicht war. Aber auch in den Bereichen Literatur und Entertainment bekommt der Blinde mit Hilfe von "Textorientierten Internet-Browsers" unabhängigen und selbstständigen Zugang. Daneben wird der Computer immer mehr zum wichtigsten Instrument der (Tele-) Kommunikation. E-Mail und Homepage sind Standard auch in der privaten Computernutzung geworden. In Ausbildung, Beruf, Schule, Studium, Freizeit und Kultur werden Computer immer unersetzlicher. Die ganze Bandbreite computergestützter Verfahren wird den Menschen immer (un)deutlicher vor Augen geführt.

Die Inhalte des Informatik-Unterrichts in unserer Schule entsprechen in direkter Form den genannten Aufgabenbereichen: Grundlagen der Informationstechnologie, Hardware, Systemsoftware und Betriebssystemfunktionen, Aufgaben der Textverarbeitung, Aufgaben und Möglichkeiten der Tabellenkalkulationen, Erstellen und Nutzen von Datenbanken, Präsentationsprogramme, Kommunikationsnetze mit E-Mail und HTML-Programmieren, und Lernsoftware zum Selbststudium. Diese Inhalte decken sich auch mit dem Lehrplan für den ECDL/HP (Europäischer Computerführerschein für Behinderte).

Das Schulungsmaterial muss u.a. neben Befehlslisten in Braille taktile Darstellungen umfassen, mit deren Hilfe es Blinden annäherungsweise möglich ist, eine angemes-sene Vorstellung über die Bildschirmsituation unter Windows zu entwickeln. Letzte-res dient einerseits dem Funktionsverständnis des Programms und ist andererseits erforderlich, um Blinde in die Lage zu versetzen, Bildschirmsituationen auch mit se-henden Kollegen zu besprechen.

Die Anforderungen an den Unterrichtenden, vor allem wenn er selbst visuell arbeitet, sind erheblich. Er muss fundierte Kenntnisse des Hilfsmittels besitzen und eine ge-naue Vorstellung von dem haben, was auf der Braillezeile abgebildet wird. Schließlich muss er noch die für die spezifischen Bedingungen des blinden Anwenders effektiv-ste Arbeitsweise vermitteln (Tastenkombinationen, "Umwege"...).

Der Schulungsbedarf für Windows ist erheblich größer als für MS-DOS-Programme. Die Schulungsnotwendigkeit wurde schon in der Vergangenheit häufig zu gering bewertet. Für die Zukunft wird sie in Bedeutung und Umfang wachsen. Auch aus dieser Notwendigkeit ist das Odilien-Institut Computer-Camp entstanden.

Der Computer kann die Probleme der Sehbehinderten und Blinden nicht lösen. Es ist immer ein abstrakter und eingeschränkter Blick den wir via Computer auf die Welt werfen. Was ich aber für überaus wichtig halte ist, dass der Computer eine Art Brücke für den Behinderten in die Welt der Sehenden darstellt und diese wiederum diese spezielle Art der Sicht der Blinden akzeptieren und verstehen lernt. Schließlich ist eine Behinderung immer auch ein soziales Problem. Wir dürfen nur nicht glauben, dass wir ein soziales Problem mit Computer - quasi als Medizin - lösen können. Die Technik zeigt auch hier deutlich ihre Grenzen. Je mehr aber der Computer als Kommunikationsmittel genutzt werden kann, desto besser werden die Informationen über beide "Weltgruppen" - Blinde und Sehende - sein. So steigen auch die Möglichkeiten einer leichteren Integration blinder und sehbehinderter Menschen ins gesellschaftliche, berufliche und kulturelle Leben. Der Computer, ergänzt mit den notwendigen Zusatzausstattungen, kann für einen Sehbehinderten oder Blinden das Tor zum Zugang in viele neue Bereiche der Arbeitswelt öffnen, die für ihn bisher nicht oder nur sehr schwer möglich waren. Büroberufe in fast allen Varianten, Berufe im Bereich "Bearbeitung informationstechnischer Art" wie Beschaffung, Sichtung und Bewertung von Information ("Info-Broker" oder "Data-Miner") bis hin zu Programmierern, System- und Netzwerkbetreuern sind im Zusammenhang mit der notwendigen Intelligenz des Anwenders möglich geworden.

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt es auch zu grundlegenden kategorialen Verdichtungen des Denkens und Handelns durch die Digitalisierung menschlichen Seins: Auftreten von komplexen Zusammenhängen zwischen Realität und virtueller Realität, zwischen Bewusstsein, neuronalem System und Computer. Das Verständnis von Mensch und Gesellschaft ändert sich grundsätzlich. Die Kategorien "Realität - Virtualität - Vision" sind immer weniger unterscheidbar. Lernen und Arbeiten im Cyberspace entwickeln sich zu einem neuen Informations- und Kommunikationsprozess. Bestehende institutionelle und - besonders für Blinde - sichtbare Grenzen werden überschritten oder sogar aufgelöst. Und das ist eigentlich die "integrierende Macht" des Computers. So bekommt die neue Technologie für die Integration im Allgemeinen und Sehbehinderter und Blinder im Besonderen eine immer größere Wertigkeit. Unabhängigkeit und Aktualität, meine ich, sind hier die Hauptbegriffe. Nicht zuletzt ist auch die erfolgreiche Integration in Bildung, Ausbildung und in den Arbeitsmarkt eine der wichtigsten Forderungen unsere Gesellschaft.

Walter Rainwald

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